Bildung mit Haltung

Konferenz untersucht Identität und Auftrag konfessioneller Schulen in der Welt von Heute

Für konfessionelle Schulen ergeben sich aus dem aktuellen gesellschaftlichen Kontext besondere Herausforderungen: Zum einen sind sie in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft verortet, zum anderen ist diese Gesellschaft in religiöser und kultureller Hinsicht so pluralistisch wie nie. Eine gemeinsame Fachkonferenz der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems hat nun unter dem programmatischen Titel „Bildung mit Haltung“ Identität und Auftrag der konfessionellen Schulen einer genauen Betrachtung unterzogen.

Die rund 40 TeilnehmerInnen der Konferenz trafen sich am 08. und 09. Oktober im bayerischen Eichstätt zu einem „binationalen“ Wissens- und Erfahrungsaustausch. Das Ziel: Orientierung zu geben für Selbstvergewisserung und Weiterentwicklung konfessioneller Schulen in den gesellschaftlichen Umbrüchen des 21. Jahrhunderts. Entsprechend breit gestreut waren Fachgebiete und Hintergrund der TeilnehmerInnen. ExpertInnen aus den Bereichen Schulpädagogik, Schulentwicklung und Bildungs- bzw. Schulforschung waren ebenso vertreten wie Leitungen und Lehrkräfte kirchlicher Schulen sowie Mitarbeitende von verschiedenen diözesanen Schulabteilungen und -ämtern.

Das Modell der „Katholischen Dialog-Schule“

Keynote-Speaker der Konferenz war der belgische katholische Theologe Lieven Boeve, der – vor dem besonderen Hintergrund der Situation in Belgien, wo 62 Prozent der Volksschulen und 75 Prozent der weiterführenden Schulen dezidiert katholische Einrichtungen sind – sein Modell der „Katholischen Dialog-Schule“ zur Diskussion stellte. Für Boeve, Professor für Systematische Theologie an der Katholischen Universität Leuven, hat in seiner Heimat Belgien die „traditionelle“ katholische Schule ausgedient. Vielmehr gehe es darum, in einen intensiven Dialog zu treten – auf pädagogischer Ebene dient der Dialog mit den anderen demnach der Identitätsfindung. Die Offenbarung versteht Boeve, der viele Jahre zum Thema Christentum und Säkularität geforscht hat, ganz in der Tradition des 2. Vatikanischen Konzils kommunikativ als Dialog Gottes mit der Menschheit. So viel zum begrifflichen Hintergrund.

Für das belgische Modell der katholischen Schulen wurde der Dialog-Gedanke aufgegriffen und in ein eigenständiges schulisches Profil überführt. Das Mission Statement der Dialog-Schulen stelle den integrativen Gedanken in den Mittelpunkt, wie Boeve referierte. Am Schnittpunkt von Bildung, Gesellschaft und Kirche heißen die Schulen demnach „jeden herzlich willkommen, egal wie der religiöse oder ideologische Hintergrund aussehen mag.“ Zentrale christliche Begriffe wie Glaube, Liebe und Hoffnung liefern in diesem Modell gleichsam Ankerpunkte, an denen sich die Schulpraxis der Dialog-Schulen ausrichten soll. Und zugleich geht es darum, dass alle miteinander in den Dialog treten und auf diese Weise die „volle Bedeutung des Menschseins“ erfahren. Die Schule selbst bringe dabei explizit die christliche Stimme in den gesellschaftlichen Diskurs ein. Am Ende steht gemäß Boeve eine große Bereicherung der Schule durch den breiten Dialog – und die „Rekontextualisierung“ ihrer ursprünglichen, christlichen Inspiration.
Die Schulkultur katholischer Schulen

Zu einer intensiven Diskussion wollte Wolfgang Schönig, Professor für Schulpädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die Konferenzteilnehmer anregen. Schönigs Thema für die Konferenz: die Schulkultur katholischer Schulen. Seine Kurzpräsentation konzentrierte sich zunächst auf den aktuellen Kontext – die (bleibenden und neuen) Aufgaben katholischer Schulen angesichts des „radikalen gesellschaftlichen Wandels“. Vor diesem Hintergrund präsentierte der Schulpädagoge seine Analyse des schulisch-kirchlichen Diskurses: „Die katholische Schule soll im Geiste des Evangeliums und als Lebens- und Erziehungsgemeinschaft einen bipolaren Bildungsauftrag erfüllen: Die Persönlichkeit des Einzelnen soll zur vollen Entfaltung gebracht und der junge Mensch zu Beiträgen für das Gemeinwohl befähigt werden. Dies soll auf dem Nährboden einer reflektierten Auseinandersetzung mit Religion und Glaube geschehen.“

Wie aber sieht es mit der Umsetzung in Form einer spezifischen katholischen Schulkultur aus? Auch Schönig sieht den „Wesenskern der katholischen Schule“ in Frage gestellt angesichts „sich ausdifferenzierender Schullandschaften“. Doch das Problem laut Schönig: Die Schlüsseltexte zu den katholischen Schulen mögen ein Bild vermitteln, sagen aber nichts aus über die gelebte Praxis in Schulalltag und Unterricht. An dieser Stelle griff der Schulpädagoge zu einem dialektischen Kunstgriff – und stellte durchaus provokant neun Thesen und Gegenthesen zu den katholischen Schulen einander gegenüber. Intensiv diskutiert wurde etwa die Frage, ob katholische Schulen „elitär“ sein dürfen – oder ob ihr Auftrag nicht vielmehr im Sinne der Inklusion lauten müsse, sich in besonderem Maße um soziale Randgruppen zu kümmern.

Gute Führung als Chance für die Schulentwicklung

Das Thema Leadership stellte Uto Meier, Professor für Religionspädagogik, in den Fokus seiner Präsentation. Vor dem Hintergrund einer genaueren „Zeitdiagnose“ – Entkonfessionalisierung in der Moderne, weltanschaulicher Pluralismus aber auch die Frage nach „versteckter Religiosität“ in gegenwärtigen Ethik-Debatten etwa in der Wirtschaft – diskutierte Meier zunächst grundlegende Fragen wie Was ist (gute) Führung? Eigentlicher Kern seiner Präsentation war jedoch „Catholic Leadership“ und die Umsetzung dieser spezifisch katholischen Führung an den katholischen Schulen. Ausgangspunkt seiner Überlegungen war dabei die christliche Soziallehre, aus der Meier verschiedene Grundprinzipien für gute Führung ableitete, um diese dann in konkrete Vorschläge zur Umsetzung an den Schulen umzuwandeln. Das zentrale Personalitätsprinzip der Menschenwürde beispielsweise wurde auf diese Weise zu einem „Leitbild mit klaren Grenzen nach unten und einer klaren Vision nach oben“. Für Meier insgesamt zentral in der Führungsdebatte ist dabei der Fairness-Begriff.

Profilbildung als Auftrag in einer pluralen Welt

Am Ende der Tagung waren sowohl die Wiener als auch die bayrischen Teilnehmer in ihrer Einsicht bestärkt, dass Sendungsauftrag und Identität katholischer Schulen angesichts wachsender Säkularität und Pluralität der Gesellschaft dringend neu überdacht werden müssen und in diesem Vorhaben von- und miteinander gelernt werden kann. Dazu kam die Erkenntnis, dass das Gelingen katholische Schule vor allem von den handelnden Personen abhängt. „Dort, wo die beteiligten Personen an der gemeinsamen Vision der katholischen Schule teilhaben können und ihnen Raum und Möglichkeit gegeben wird, ihre eigene spirituelle Verankerung zu finden und wachsen zu lassen, kann die Schule als sinnstiftend erlebt werden“, fasste es Andrea Pinz zusammen, Leiterin des Erzbischöflichen Amtes für Schule und Bildung der EDW.

Die TeilnehmerInnen der Konferenz

Seitens der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt nahmen teil Prof. Dr. Markus Eham, Vizepräsident für Studium und Lehre, Prof. Dr. Rainer Wenrich, Vorsitzender Leiter des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung, Birgit Langer, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung und Bildungsforschung, Prof. Dr. Wolfgang Schönig, Lehrstuhl für Schulpädagogik, Prof. Dr. Uto Meier, Professur für Religionspädagogik, Prof. Dr. Sabine Bieberstein, Professur für Exegese des Neuen Testaments und Biblische Didaktik und Dr. Simone Birkel, Lehrkraft für Jugend- und Schulpastoral.

Seitens der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems sowie Schulamt Wien nahmen teil Hofrätin Mag. Andrea Pinz, Leiterin des Erzbischöflichen Amtes für Schule und Bildung der Erzdiözese Wien, Mag. Dr. Marie-Therese Igrec, Assistentin der Amtsleiterin, Erzbischöfliches Amtes für Schule und Bildung der EDW, Mag. Katja Pistauer-Fischer, Geschäftsführerin der Schulstiftung sowie der Hochschulstiftung der Erzdiözese Wien, Prof. Dr. Andreas Weissenbäck, Vizerektor Fort- und Weiterbildung der KPH Wien/Krems und Prof. Dr. Thomas Krobath, Vizerektor Forschung und Internationalisierung der KPH Wien/Krems.

Aus den Bereichen Schule und Schuladministration kamen Dr. Andreas Hatzung, Direktor, Katholisches Schulwerk, Dr. Peter Nothaft, Direktor, Katholisches Schulwerk, Prof. Dr. Barbara Staudigl, Schulleitung Maria-Ward Realschule, Eichstätt-Rebdorf, Dr. Sandra Krump, Ordinariatsdirektorin, Erzdiözese München und Freising, Susanne Sachenbacher, Referentin für Fortbildung, Katholisches Schulwerk, Dunja Müller, Referentin Schulentwicklung und Evaluation, Katholisches Schulwerk, Peter Tezzele, Leitender Pädagoge, Katholisches Schulwerk, sowie Prälat Dr. Lorenz Wolf, Leiter Katholisches Büro Bayern. Außerdem besuchten zahlreiche DirektorInnen diözesaner Schulen, Verantwortliche aus dem Schulamt sowie der Bildungsreferent der Ordensschulen die Fachtagung in Eichstätt.

Die TeilnehmerInnen der Fachkonferenz „Bildung mit Haltung“ in Eichstätt.

Foto: Schulte Strathaus/KU